Minimal

Minimal1

Tanikawa Shuntaro, „minimal“, 30 Gedichte. Deutsch und Japanisch. Übersetzt aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein. Secession Verlag für Literatur, Zürich 2015

In einer Zeit, in der das Streben nach MEHR in allen Lebensbereichen normal geworden ist, kommt es einer Wohltat gleich, diesen Gedichtband in die Hand zu nehmen. Die Konzentration auf das Wesentliche in der Form, dem Minimum an Text, steht einem Maximum an Buchkunst gegenüber. Wie ein Leporello kann man den Band aufklappen und geradezu ehrfürchtig entdeckt man die Schönheit dieses Buches. Ein Kranich – er steht in Japan für Langlebigkeit – macht sich auf den Weg, hebt ab und verschwindet am Ende des Buches, das in drei Teile in drei Blöcken unterteilt ist. Die 30 Gedichte sind jeweils zweisprachig abgedruckt – Japanisch in hellblau und Deutsch in schwarz. Jedes Gedicht besteht aus Dreizeilern, die Anzahl der Verse variiert. Ein Minimum an Sprache setzt eine Vielzahl an Assoziationen frei, bringt Überlegungen in Gang und macht gleichzeitig ruhig und fokussiert. Es wird Alltägliches beschrieben und doch weiß man, es geht um alles. Weniger ist hier mehr.

SITZEN

Ich sitze auf dem Sofa
an diesem leicht bewölkten Nachmittag
gleich einer Muschel ohne Schale

ich hätte zu tun
aber tue nichts
geistesabwesend

schöne Dinge sind schön
auch das Hässliche hat irgendwo
etwas Schönes

einfach nur da sein
wie toll!
ich höre auf Ich zu sein

stehe auf
trinke Wasser
auch Wasser wie toll!

 

Tanikawa Shuntaro - Minimal

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